Mickey-Mania

thewrestler282.jpgSagt die Fotografin zu Rourke: “Könnten Sie bitte die Sonnenbrille abnehmen?” Drauf der: “Wenn Du mir Deine Titten zeigst…” Die Szene hat kein schlechter Drehbuchschreiber erfunden, sie ereignete sich kürzlich auf dem roten Teppich. Typisch: Mickey ist die personifizierte Axt im Wald, eine menschgewordene Wildsau, die sich grunzend und triebgesteuert auf alles stürzt, was er haben will. Sei’s nun das 44. Paar hässliche Samtslipper für seine Schuhsammlung oder eine schöne Frau in Reichweite. Wie Jessica Alba, die er sich kürzlich überfallartig schnappte, um sie zu begrabschen. Oder Thandie Newton, deren Hinterteil er unaufgefordert begrabbelte, um ihr anschließend körperliche Fitness zu attestieren. Zum Rebellenimage gehören auch die Paradiesvogel-Klamotten jenseits der Geschmacksgrenze und seine “Al-Bundy-Pose” - die Hand in der Hose, mit der er sich regelmäßig Paparazzi präsentiert.

Doch das Außenseiter-Gehabe täuscht. Nach den dunklen Jahren im Keller von Hollywood will Mickey wieder dazugehören. Er genießt das Kritiker-Lob, das Schulterklopfen von Brad Pitt und den Respekt von Sean Penn, der ihn in der Oscar-Dankesrede “Bruder” nennt. Er freut sich über Applaus vom Galapublikum, wenn er markig dem Agenten für seine Eier dankt und Co-Star Marisa Tomei fürs Sich-Ausziehen und den erfreulichen Anblick. Kein Wunder, die Sehnsucht nach Anerkennung: In über einem Jahrzehnt Existenzkrise waren Vierbeiner seine besten Kumpel. Die letzte Gefährtin aus schlimmen Tagen, Loki, ist gerade gestorben. Kein Ding für einen harten Kerl? Doch, und wie. Seit ihrem Tod trägt Mickey ein Medaillon mit dem Bild der Chihuahua-Hündin um den solariumsverbrannten Stiernacken. Auch den frisch gewonnenen Independent Spirit Award widmet er der - wie er selbst sagt - “Liebe seines Lebens”.

thewrestler282zwei.jpgMit der Liebe zu den Zweibeinern hat’s nie so recht geklappt. Sein Stiefvater verprügelte ihn und auch mit Frauen hatte Rourke wenig Glück. Nach dem Drama mit Model Carré Otis, die er schlug und die ihn verließ, gab’s keine Liebesbeziehung mehr. Jetzt, so verriet er neulich im Interview, bestellt er sich gelegentlich ein Mädchen. Oder er kriegt eins umsonst, wie kürzlich auf Paris Hiltons Geburtstagsfeier, auf der er uneingeladen mit einer unbekannten Blondine erschien. Auf den Hinweis, dass dies Miss Hiltons Event sei, nölte er: “Wessen Party? Ich feiere meine eigene!” Was er dann auch im Separee mit seiner Begleitung tat. Ob Grabschen, Bezahlen und Pöbeln wirklich Mickeys ganzes Repertoire in Sachen Frauen-Kennenlernen ist? Scheint so. Kommt wohl nicht von ungefähr, dass ihn Kim Basinger, Co-Star aus “9 1/2 Wochen”, einen “menschlichen Aschenbecher” nannte.

Weil er unberechenbar, süchtig und gewalttätig wurde, wollte in den Neunzigern kein Mensch mit dem einstigen Star arbeiten. Das, so hat sich Mickey geschworen, soll ihm nie wieder passieren. Demütig dankbar ist er für die zweite Chance. Doch bei allem Willen zur Anpassung und der Freude übers triumphale Comeback: Die Wildsau lässt sich nicht verstecken. Wie bei einer Pressevorführung vom “Wrestler“, nach der sich Mickey mit Regisseur Darren Aronofsky den Fragen der Journalisten stellte. Alles lief nach Plan, bis Rourke beim Abgang ins Mikrophon brummte: “So, Aronofsky. Du schuldest mir 100 Dollar. Ich hab’s hier heute abend geschafft, nicht ein einziges Mal ,Fuck’ zu sagen. Also, Fuck!”

Ob er sich das F-Wort auch vor dem versammelten Oscargala-Publikum zu sagen getraut hätte? Vermutlich. Und keiner hätte es ihm übel genommen, weil dieser unbequeme, selbstverliebte, gesichtsdeformierte Macho so viel Talent hat. Und weil die Stars es genauso wie wir alle lieben, wenn sich einer aus eigener Kraft vom Boden zurück an die Spitze kämpft. Hollywoods Goldjungen hat Mickey nicht bekommen. Aber er ist zurück - und das ist gut so. Mögen Fettnäpfchen und Filme seinen Weg pflastern!

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(Foto+Trailer: Kinowelt)